Der halbseitig gelähmte Nils Helsper (41) hat schon etliche nationale und internationale Erfolge errungen. Im vergangenen Sommer glänzte er mit einem neuen deutschen Rekord bei einem Speed-Wettbewerb. Hier seine Geschichte.
(ty) Mit fünf Jahren hat er das zweite Mal in seinem Leben laufen gelernt, nachdem ein Blutschwamm, ein so genanntes Angiom, in seinem Gehirn geplatzt war. Neurologische Schädigungen mit Lähmungs-Erscheinungen in der linken Körperhälfte sind ihm geblieben, aber Nils Helsper hat sich Schritt für Schritt in die Normalität zurückgekämpft. Heute, mehr als dreieinhalb Jahrzehnte später, macht der Pfaffenhofener Dinge, die seine Ärzte und Therapeuten staunen lassen. Er fährt trotz seiner Einschränkungen selbstständig Rennrad. Und er zählt zu den erfolgreichsten Para-Kletterern in Deutschland. Beim Speed-Klettern in Düsseldorf stellte Helsper im vergangenen Sommer einen neuen nationalen Rekord auf. Wie schafft es der heute 41-Jährige, mit seinem Handicap nicht nur klarzukommen, sondern körperliche Leistungen zu vollbringen, die selbst für die meisten Kerngesunden unerreichbar sind? Und was treibt ihn an? Antworten darauf gibt Helsper in einem Gespräch mit unserer Zeitung.
"Als es passierte, war ich mit meinem Bruder im Kinderzimmer." Mehr weiß der gebürtige Offenbacher nicht von dem Schicksalsschlag, der ihn damals, vor gut 36 Jahren, traf. In seinem Gehirn habe sich plötzlich ein Blutgerinnsel gelöst, was dazu geführt habe, dass er zehn Tage im Koma gelegen habe. Zahllose therapeutische Behandlungen halfen ihm, mit den Lähmungen als Folgen des Angioms mehr oder weniger zurechtzukommen.
Probleme bereitet ihm vor allem der linke Fuß, während die linke Hand von den neurologischen Einschränkungen nur leicht betroffen ist. An Fußballspielen, das er als Kind geliebt hat, ist seither nicht mehr zu denken. Tanzen habe er ausprobiert, dann aber wieder aufgegeben, erinnert sich Helsper. Irgendwann sei er in einer Reha auf eine Kletterwand gestoßen und habe dort die Erfahrung gemacht, dass ihm dieser Sport guttue, weil er ihm helfe, mehr Spannung im Körper aufzubauen.

Mehr als eine erste Begegnung mit der Sportart sei das allerdings nicht gewesen. Richtig klick habe es bei ihm gemacht, als ihn vor etwa zwölf Jahren eine an Parkinson erkrankte Frau im "Paf-Rock", der Kletterhalle der Sektion Pfaffenhofen-Asch im deutschen Alpenverein (DAV), für den Sport habe begeistern können. "Am Anfang bin ich keine einzige Wand hochgekommen", berichtet Helsper von seinen ersten Versuchen.
Doch habe er dank der einfühlsamen Begleitung schnell so viel Ehrgeiz entwickelt, dass er Schritt für Schritt die einzelnen Bewegungen gelernt und für sich entschieden habe: "Das tut dir so gut, da musst du unbedingt dranbleiben." Gut erinnern könne er sich an seinen ersten Wettkampf, eine Stadtmeisterschaft in München, erzählt der 41-Jährige. Von da an sei er auch international unterwegs gewesen, beispielsweise in England, Frankreich, Italien oder Österreich.
Als bisher größten Erfolg sieht er den Titel des Vize-Weltmeisters, den er 2016 in Paris habe erringen können. Auch das vergangene Jahr war für den 1,80 Meter großen Athleten erfolgreich angelaufen. Mit einem respektablen fünften Platz in der Klasse mit den meisten Teilnehmern startete er als Mitglied des deutschen Nationalteams Ende Februar beim "International Open Master" in Amsterdam erfolgreich in die Saison.
Mitte April ging es für den gebürtigen Hessen weiter nach Wien zu den "Open Austrian Champion-Ships Para-Climbing", wo er trotz starker Konkurrenz den vierten Platz erreichte. Beim zweiten "Para-Climbing-Cup" Anfang Mai in der bayerischen Landeshauptstadt schaffte es Helsper erstmals in der Saison aufs Podium. Mit einer souveränen Leistung sicherte er sich den dritten Rang.

Doch dann habe er sich Ende Mai einen Mittelfuß-Knochen gebrochen. "Ich war nach einem Wettkampf abends mit Freunden unterwegs und bin an einem Bürgersteig unglücklich umgeknickt", schildert Helsper die Situation, die ihn in der Folge zu einer längeren Trainings- und Wettkampf-Pause zwang. Umso mehr freut sich der 41-Jährige darüber, dass er bei einem Para-Speed-Wettbewerb in Düsseldorf, der von 8. bis 10. August im Rahmen des "Eurowings Sports Circle Events" stattfand, ein gelungenes Comeback habe feiern können.
Vor zahlreichen Zuschauern, mitten in der Düsseldorfer Altstadt, konnte sich Helsper in einem packenden Finale gegen seinen Nationalteam-Kollegen Korbinian Franck durchsetzen. Die Zeit von 48 Sekunden bei hochsommerlichen Temperaturen von 32 Grad bedeuteten für den Pfaffenhofener nicht nur den ersten Platz, sondern auch einen neuen deutschen Rekord im Para-Speed-Klettern. "Es war ein rundum gelungener Wettkampf", berichtet Helsper.
Glücklich über diesen Erfolg ist nicht nur er selbst. Auch in der Sektion Pfaffenhofen-Asch des DAV, für die Helsper bei all den Wettbewerben antritt, ist man mächtig stolz, nicht nur auf diesen Titel. "Wir gratulieren herzlich zu den herausragenden Leistungen", freute sich Sabine Sopp, die für die Öffentlichkeits-Arbeit der hiesigen DAV-Sektion verantwortlich ist. Eine besondere Ehrung auf Kreis-Ebene erfuhr Helsper im Jahr 2024, als er den Sportpreis des Pfaffenhofener Landrats erhielt.
Helsper habe beim Para-Climbing "bemerkenswerte Erfolge und hervorragende Platzierungen erzielt, darunter unter anderem einen dritten Platz bei den IFSC-Paraclimbing-World-Championships in Innsbruck", hieß es damals in der Laudatio. "Die Leistungen von Nils Helsper sind herausragend und verdienen besondere Anerkennung und Würdigung", sagte Vize-Landrat Karl Huber (Bürgerliste) bei der Ehrung (Kreis PAF ehrt 69 besonders erfolgreiche Sportler).

Der Sportpreis des Pfaffenhofener Landrats ging im Jahr 2024 an Nils Helsper (Mitte). Ihm gratulierten bei der Verleihung damals Vize-Landrat Karl Huber (rechts) und Florian Weiß, der Vorsitzende der Sportkommission des Landkreises.
Im Landkreis Pfaffenhofen ist Helsper schon vor Jahren heimisch geworden. Erst wohnte er in der Gemeinde Rohrbach, bevor er vor mehr als einem Jahr zusammen mit seiner Freundin in die Kreisstadt umzog. Seinen Lebensunterhalt verdient der gelernte Dreher bei "Continental" in Ingolstadt, wo er im Werkzeugbau tätig ist.
Das Klettern möchte er, wie er erzählt, aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr missen. "Ich habe seither keine Rückenschmerzen mehr und bin richtig fit geworden", so der 41-Jährige. Das habe dazu geführt, "dass ich mehr Feingefühl für die Körpermitte gelernt habe". Einer seiner Trainer habe sogar mal zu ihm gesagt: "Du kletterst besser als du läufst." In den vergangenen Monaten hat Helsper wieder richtig Gas geben und hart trainiert, um in diesem Jahr auch in der Nationalmannschaft wieder Erfolge feiern zu können.
Dazu sei es wichtig, die Kletter-Techniken zu verbessern und auch den einen oder anderen eingeschlichenen Fehler auszumerzen, berichtet er selbstkritisch gegenüber unserer Zeitung. Dass er dabei auf einem guten Weg ist, zeigte sich im Oktober vergangenen Jahres auch bei einem internationalen Paraclimbing-Wettkampf in Biel (Schweiz), wo Helsper zum Saison-Abschluss mit einem dritten Platz überzeugen konnte.
"Der Wettkampf war klasse und lediglich meinen Konkurrenten aus den Alpenländern Schweiz und Österreich musste ich den Vortritt lassen", freut sich der Pfaffenhofener. Das Finale wurde live auf im Schweizer Fernsehen (SRF3) und "You-Tube" übertragen, wodurch auch seine Familie die spannenden Wettbewerbe um die Podiums-Plätze mitverfolgen konnte. "Es war ein großartiger Moment, meine Leistung mit meiner Familie teilen zu können – das hat mir viel bedeutet", sagt der 41-Jährige.

Fast noch wichtiger als das Klettern ist Helsper übrigens das Rennrad-Fahren. "Das ist meine große Leidenschaft", sagt er mit Blick auf einen für ihn bedeutsamen Entwicklungs-Schritt: "Noch vor drei Jahren habe ich nur mit Stützrädern Fahrrad fahren können." Dass er nun auf die Hilfsmittel verzichten kann, erfüllt ihn mit Stolz. "Damit habe ich mir einen Lebenstraum erfüllt."
Ihm sei bewusst, dass er in den vergangenen Jahren unglaubliche Fortschritte gemacht habe, meint Helsper rückblickend. "Meine Ärzte sind zum Teil sprachlos, was ich heute wieder alles machen kann." Das sei zum einen seinem unbändigen Ehrgeiz zu verdanken, so der Para-Climber. Und er fügt einen weiteren wichtigen Aspekt für seine Motivation an: "Es hat immer Leute gegeben, die an mich geglaubt haben."





